Stuttgarter zeitung Mittwoch, 31 Dezember 1986
1986 war das Jähr der bisher größten Kata strophe in der zivilen Nutzung der Atom energie. Ein Alptraum wurde Realität. Doch der Reaktorbrand von Tschernobyl war eine kleine Katastrophe, verglichen den Schreckensszenarien der Sicher heitsforscher und Science-fiction-Autoren. Nicht Zehntausende starben sofort, aber immerhin 31; nicht Millionen mußten eva kuiert werden, aber immerhin 135 000. Zur technischen Katastrophe gesellte sich die politische. Dazu drei Beispiele: Erstens ei nigten sich Politiker und Techniker in Ost und West binnen kürzester Zeit auf die Sprachregelung, das Unglück in Tscherno byl sei wesentlich durch menschliches Ver sagen und Leichtsinn verursacht worden. Aber gibt es menschliches Versagen gegen über der Technik? Ist es nicht immer die Technik, die versagt, wenn sie den Men schen überfordert? Zweitens hat Tschernobyl gezeigt, daß bundesdeutsche Katastro- phenschutzpläne in wesentlichen Teilen naive Schreibtischgeburten sind. Die Pläne teilen die Kraftwerksumgebung in Gefah renzonen von zwei, zehn und 25 Kilometer ein, der ukrainische Reaktor aber ver seuchte in tausend Kilometer Entfernung Stuttgarter Kindern die Milch und rui nierte finnischen Rentierjägern die Exi stenz. Drittens haben gerade die verant wortlichen Politiker und Wissenschaftler in der Bundesrepublik sich als völlig unfähig erwiesen, im Katastrophenfall auf die Angst der Bevölkerung angemessen zu rea gieren. Mit Verharmlosen heizten sie die Furcht noch an. Konsequenzen aus dem Desaster von Tschernobyl waren Aus stiegskonzepte der Opposition und ein neues Ministerium in der Bonner Regie rung, das die Bezeichnung Reaktorsicher heit im Namen führt. Und Walter Wall mann machte sich daran, die Regierung auf die nächste Katastrophe gesetzlich vor zubereiten. Ein Informations- und Grenz wertechaos soll vermieden werden; an der Strahlung wird das nichts ändern. Indes sen beschlossen die UN-Mitgliedstaaten einstimmig, an der Kernenergie festzuhal ten. Das zeigt, wie wenig eine explosionsar tig wachsende Weltbevölkerung, die in ih rer Mehrheit in Armut und Not lebt, der zeit auf diese Energiequelle verzichten will. So steht am Ende des Jahres 1986 die Er kenntnis, daß der nächste Reaktorunfall schon morgen geschehen kann.





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