Zeitungsschnipsel

Nachrichten aus der Vergangenheit

Beisetzung der Kaiserin

Aus die grosse Berliner illustrierte Halbwochenschrift

ZUM   19.   APRIL   1921

So ist sie wieder heimgekehrt, die einst Deutschlands Kaiserin gewesen, in ungebrochener Holstentreue mit ihrem Volk die Sonnenbahn des Glücks gewandelt und tief im Schattental des bittersten Leides mit allen Fasern ihres schmerzdurchstoßenen Herzens in diesem Volke gewurzelt bis zu seinem letzten Schlag.
Wer heute durch den lenzumkränzten Park von Sanssouci ihre Heimfahrt schaute, dem ward’s zu unvergeßlichem Erlebnis tiefbewegtester Ergriffenheit. Wohl rahmte ihre letzte Fahrt ein altes, trautes, jäh zerbrochenes Bild. Gerade darum aber krampfte sich das Herz, weil es im letzten und im tiefsten — Schmach über den, der heute es besudelt ! — noch einmal wie von ferne die aus unerhörten Siegen und aus deutschem Heldentum entstiegene alte Herrlichkeit aufstrahlen ließ, wie nie zuvor es je die Sonne sah. Doch die man dort zur letzten Ruhe brachte, die kehrte heim so ganz und gar nicht im düsteren Pomp prunkhafter Leichenfeier.
Dennoch in dieser gewollten und darum doppelt edlen Schlichtheit bezwingend in der Majestät des Todes. Das alte Preußenwappen, auf seinem ernsten Bild oben die rotdurchflammte Kaiserkrone tragend, umrahmt von güldenem Eichenkranz auf violettem Sammet des Bahrtuches, das war der einzige äußerliche Schmuck. Aber unter diesem schweren Hang sind — nur den Augen der Treue erkennbar — die grauen Schleier tiefsten Menschenleids gebreitet, durch stickt vom Perlentau der kummervollsten Nächte nie gedachter Einsamkeit und fremdeschwerer Verlassenheit. Den ersten Kranz aus deutscher Erde hat in Rheinlands Dornenreisern dankbarste Liebe gewunden und mit dem Lorbeersymbol der todbewährten Treue  durchflochten.  Gleich einer unsichtbaren Krone schwebte er über ihrem letzten Wege. Ein Weg durch tiefes Schweigen war’s. Es neigten sich die Häupter und in tausend seidenen Fahnentüchern rauschte das letzte Liebesgrüßen der Hunderttausende, die dort in Sanssouci die Heimkehrstraße ihrer Kaiserin tieftraurig säumten. Das deutschland ohne Grenzen, soweit es für das unsichtbare Reich der deutschen Treue und des deutschen Zukunftsglaubens sich bis ins Feindgebiet hinein und in geraubte deutsche Länder breitet und übers blaue Meer hinaus, das war mit seiner Seele heut in Sanssouci zu Gaste. Daß dieser Frühlingsmorgen durch aller Zeiten Wirrnis und unserer Tage schicksalsschwere Not in diese Einheit gleichen Fühlens  Millionen Deutsche sicherlich wieder aufgerüttelt hat, das ist das ers lenzliche Lebenskeimen; das um des Todes Stille heute wie ein Frühlingsahnen leis erwachen wollte. Im deutschen Hoffnungsgarten liegt noch Winternot. Der Liebe und der Treue Saat goldete dennoch in leuchtendem Prangen. Wie wenn durch graue Nebelbänke zaghaft die erste Morgenlohe blinkt, so war trotz allen schweren Leides dieser Lenzestag für all die Herzen, in deren tiefsten Grund versunkene Glocken nur des Tages warten, um wiederum das Hohelied des deutschen Namens > und der deutschen Ostern in die Welt zu läuten.
Vielleicht schwebt davon heute auch ein leiser Ton um jenes nun erst ganz in Einsamkeit und Stille versunkene Haus auf niederländischer Erde.
Kein Laut hat diesen stillen Weg der Kaiserin zur letzten Ruhe heute gestört. Nur die Vöglein in den blütenprangenden Zweigen sangen ihr das Requiem. Im deutschen Herzen aber glüht durch alle Trauerschatten der Liebe güldner Schein und von der Ruhestatte der deutschen Kaiserin wagt dennoch deutscher Osterglaube sich   weiter in unsere schicksaldurchrätselte Gegenwart.

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