NRZ Mittwoch, 4. April 1973
In manchen Gegenden wirft es der Bräutigam auf den Hochzeitsstein
In dem Musical „Anatevka” wurde bei der eindrucksvollen jüdischen Hochzeitszeremonie vom Bräutigam ein Glas zerbrochen, schreibt der Neffe Harald G. und fragt an, ob das wohl ein alter symbolischer Brauch ist.
Zweifellos, und er geht schon bis auf den Talmud zurück. Rabbi Aschi (4. oder 5. Jahrhundert n. Chr.) soll, als ihm die Gäste bei der Hochzeit seines Sohnes zu ausgelassen schienen, sie ernüchtert haben, indem er einen Becher aus kostbarem weißen Glas zerbrach. Denn solange der Tempel nicht wiedererrichtet war, galt ausgelassene Fröhlichkeit auch an solchem Freudentag als ungehörig, und so mag das Zerbrechen eines Glases an die Zerstörung des Heiligtums erinnert haben. Doch kann man diese uralte, übrigens variantenreiche Sitte ebensogut als eine Geste betrachten, die böse Geister verscheuchen sollte. Vielleicht war es auch nur ein Glückssymbol.
Bei den portugiesischen Juden der Niederlande war es noch im 18. Jahrhundert üblich, daß der Bräutigam ein Glas in eine Silberschale zu Füßen seiner verschleierten Braut warf; dieser Brauch hat sich in einigen italienischen Gemeinden bis heute erhalten.
In süddeutschen Gemeinden zerschellte der Bräutigam ein mit Wein gefülltes Glas auf einem viereckigen oder runden Chuppastein, einem Hochzeits- oder Traustein, der meist in die nördliche Außenmauer der Synagoge eingelassen war, wo man den Sitz aller möglichen Geister vermutete. Diese bis zum Ende des 19. Jahrhunderts
verbreitete Zeremonie sollte anzeigen, daß das Brautpaar keine Angst vor unheimlichen Mächten hatte.
Auf der Abbildung hier siehst Du einen solchen Stein aus der Synagoge in Bingen, der nach dem 2. Weltkrieg in ihren Trümmern gefunden wurde (die Synagoge fiel der Kristallnacht im November 1938 zum Opfer). Er zeigt in Relief zwei Füllhörner mit Früchten und Blumen und in der Mitte einen achtstrahligen Stern, in dessen Spitzen sich hebräische Schriftzeichen befinden. Dieser Chuppastein aus rosa Sandstein befindet sich jetzt im Israel-Museum in Jerusalem.





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