Zeitungsschnipsel

Nachrichten aus der Vergangenheit

Schwierige Rheinfahrt

Frankfurter Allgemeinee Freitag, 22 Juni 1984

Poeten auf dem Narrenschiff

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Die Wirklichkeit benötigt den Traum, um zu werben, und sie beschädigt ihn, indem sie ist. Aufs Neue bestätigt wurde dieser alte Widerspruch durch den Verlauf und den Ertrag jener „Poetischen Rheinreise”, die die rheinlandpfälzische „Stiftung Bahnhof Rolandseck” während der vergangenen Pfingsttage für etwa siebzig Schriftsteller aus Frankreich, deutschland, den Niederlanden und der Schweiz veranstaltet hat. Von Basel bis nach Rotterdam ging die Fahrt. Und man wird zur Ehre der organisierenden Referenten, Dezernenten und Dirigenten im Mainzer Kultusministerium immerhin sagen dürfen, daß dieses als europäisches Symbol geplante Rhein-Kunstwerk mit Poeten und Poesie, mit Publikum und Politik von vornherein den Charakter eines waghalsigen Expereimentes besaß — ohne jede Probe waren fortwährend Premieren zu bestehen. Daß Pannen entstanden, war deshalb so verwunderlich nicht. Deren Häufung freilich ging zu Lasten der Literatur; sie veranlaßte so manchen Poeten zudem, das Schiff zu verlassen, bevor es sein Ziel erreichte.
„Narrenschiff ‘84″: dem spätmittelalterlichen Gelehrtendichter Sebastian Brant aus Straßburg hatte man das Motto der Fahrt entlehnt. Und in seinem „Narrenschiff”, einer 1494 erstmals erschienenen, sogleich sehr erfolgreichen und wohl auch vom jungen Dürer mit Holzschnitten versehenen Moralsatire in Reimreden, blieb denn auch kein menschliches Tun vom Umschlag in Narretei verschont. Daß knapp 500 Jahre später ausgerechnet die Heimatstadt des Sebastian Brant sich als also durchaus als höhere Geschichtsironie verstanden werden. Nach einem etwas hektischen, eher von kulturtouristischen Aktivitäten bestimmten Reisebeginn in Basel sollten die Dichter am Sitz des Straßburger Europarates laut Programm „Europa fordern”. Europa indes fehlte: kein einziger Parlamentarier lieh den Dichtern sein Gehör. Wie Pennäler auf einer Klassenreise sollten auch diese Gäste abgefertigt werden — ein paar nette Worte, ein bißchen Parlamentsatmosphäre, wenn möglich noch ein edler Appell. Die Station Straßburg war ein mittlerer Skandal.
Auch die Lesungen der Narrenschiff-Passagiere in Mainz und Rolandseck standen unter keinem glücklichen Stern. Wa-^ ren es in Mainz die schriftstellernden Lo-kalmatadore, die den Sinn für poetische Proportion dem Sinn für provinziellen Proporz zu unterwerfen wußten, so sorgte in Rolandseck eine von allen guten Geistern verlassene Regie just während der Lesung im großen Saal gleich nebenan für die pomphafte Eröffnung des Kalten Büffets der Mainzer Landesregierung.
In den privaten Begegnungen und in den Gesprächen der Dichter untereinander mithin lag der Wert einer Reise, die als Rhein-Symbol gründlich mißlang. Ihm jedoch hatte der Traum des Lyrikers Gregor Laschen gegolten, der vor Jahren schon die Idee zum Projekt entwarf. „Die Menschen müssen leben, was kümmert sie so ein reisender Poet, ob’s dem recht ist oder nicht.” Nikolaus Lenaus resignierte Notiz von einer Rheinreise des Jahres 1832 blieb auch der Ertrag von Laschens Dichtertraum.

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